"Molch" saust durch die Rohre

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte (07.11.2007)

10. Teil: Wasserwerk in Klein Ilsede versorgte das Hochofenwerk mit 400 Kubikmetern Wasser in der Stunde/Für die Kühlung waren 17 000 Kubikmeter Wasser im Umlauf

Von Thomas Krüger

Die günstige Lage an der Fuhse war der Hauptgrund für den Bau des Hüttenwerks in Groß Ilsede. Denn Wasser ist unglaublich wichtig bei der Roheisen-Produktion. 

Ilsede. Da bei der Verhüttung von Eisenerz mit hohen Temperaturen gearbeitet wurde, benötigte man große Wassermengen, um die Armaturen und die Hochöfen kühlen zu können. Dazu bot sich in Ilsede das Wasser der Fuhse an. Im Jahr 1858 wurde das Fuhsewasser durch drei Wassermühlen angestaut, so konnte man zunächst problemlos die benötigte Menge an Wasser entnehmen.

Walter Scheffler, ehemaliger Obermeister der „Medienversorgung Wasser und Gas“ beim Hüttenwerk sagt der PAZ: „Das Staurecht besaß damals der Müller Heinrich Engelke, Besitzer der Ölsburger Mühle. Er gestattete der Ilseder Hütte die Wasserentnahme und erhielt dafür jährlich 125 Taler. 1878 verkaufte dann der Müller die Mühle samt Inventar, Maschinen und Ländereien an die Ilseder Hütte.“ Damit ging das Stau- und Entnahmerecht an der Fuhse auf das Unternehmen über, dass dieses Recht bis zur Werksschließung in Anspruch nahm.
Für die Höhenstands-Regulierung des Flusses war nun der Maschinist der Wasseraufbereitung verantwortlich. „Probleme gab es immer, wenn nach einer langen Frostperiode alles vereist war, und das Eis das Wehr verstopfte. Die Eisschollen mussten zerschlagen und über das Wehr geworfen werden. Später geschah das durch Bauunternehmen, die mit einem Bagger anrückten und das Eis mit einer schweren Kugel zertrümmerten“, erklärt der 73-Jährige.
Mit steigender Roheisenproduktion reichte aber die Menge und die Qualität des Fuhsewassers nicht mehr aus, so dass bereits ab 1870 Grubenwasser aus dem Bergbau Bülten-Adenstedt per Rohre in den Kühlwasser-Kreislauf des Werkes eingeleitet wurde.

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 10 Foto: © PAZ
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Ab 1903 errichtete man in Klein Ilsede mit Genehmigung des „Königlichen Landrates von Peine“ ein Wasserwerk mit 12 Bohrbrunnen von bis zu 35 Meter Tiefe. Der Experte aus Groß Ilsede betont: „Dieses Wasser hatte Trinkwasser-Qualität, und die Ortschaften Klein Ilsede, Groß Ilsede und Ölsburg wurden 60 Jahre lang damit durch die Hütte versorgt.“

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Das Gebäude der Wasseraufbereitung steht zwischen den riesigen Kühltürmen
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Das Wasserwerk Klein Ilsede mit dem Trinkwasser-Hochbehälter befindet sich direkt an der Peine-Ilseder-Bahn
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In der Nähe der Ilseder Hütte gab es drei wasserbetriebene Mühlen: Lauenthal, Ölsburg und Groß Ilsede. Hier ist die Schoko-Mühle in Groß Ilsede mit dem Bahnhof im Hintergrund zu sehen. Um die Wasserrechte uneingeschränkt nutzen zu können, kaufte das Werk nach und nach diese Mühlen auf.

Später wurde die Brunnen-Anlage auf 20 Brunnen erweitert, die bis zu 400 Kubikmeter Wasser in der Stunde förderten. Das Wasser pumpte man durch eine gusseiserne Leitung, die unterirdisch parallel zur Eisenbahnlinie verlief, in das Hochofenwerk.
Auf der Strecke von Klein Ilsede zum Hochofenwerk setzte sich viel Eisen in den Rohren ab, die dann einmal im Jahr durch einen 1,5 Meter langen „Molch“ gesäubert werden mussten. Dieser „Molch“ war ein „Metall-Torpedo“, der mit Drahtbürsten und Schabern versehen per Pumpendruck durch die Leitungen gedrückt wurde und sie von Rückständen reinigte.
„In verschiedenen Anlagen bereiteten wir das Wasser zu unterschiedlichen Qualitäten auf. Und wir benötigten viel Kühlwasser, denn allein durch die Kühltürme und die Löschwolke der Kokerei gingen 200 Kubikmeter Wasser als Dampfschwaden in die Luft“, sagt Scheffler.
Ein großes Problem war: Das geförderte Wasser aus Klein Ilsede enthielt große Mengen Eisen, Kalk und freie Kohlensäure. Daher wurde das Wasser über eine Wasserbelüftungs-Anlage geleitet. Dort konnte die Kohlensäure entweichen, und das Wasser nahm Sauerstoff auf. Der ehemalige Obermeister erklärt: „Das war sehr wichtig, da das Eisen oxidierte und somit abgefiltert werden konnte. Und der Kalk wurde durch Zugabe von Kalkmilch an Quarzsand angelagert.“
Für die Kühlung in den verschiedenen Betriebsgebieten und den Wasserkreisläufen im Ilseder Hüttenwerk waren ständig bis zu 17 000 Kubikmeter Wasser im Umlauf. Diese hohe Wassermenge konnte nur durch eine Kreislaufwirtschaft bereitgestellt werden. Das Wasser wurde daher mehrfach genutzt und musste ständig nachgekühlt werden. „Dies erfolgte im offenen Kreislauf über die Kühltürme. Der Kühlturm funktionierte dabei als Wärmetauscher, wobei die Wärme als Wasserschwaden an die Außenluft abgegeben wurde“, sagt Scheffler. Auf dem Hochofenwerk Groß Ilsede waren zeitweise zwölf Kühltürme in Betrieb.

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Im Jahr 1920 bauen mehrere Arbeiter das Fuhse-Wehr an der Gerhard-Lukas-Straße. Im Hintergrund erkennt man das Gebäude der Gaststätte Kummer in Ölsburg.
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Die Wasserbelüftungsanlage auf dem Hochofenwerk: Das Wasser aus dem Wasserwerk in Klein Ilsede hatte Trinkwasser-Qualität

Bezugsquelle: Text und Fotos stammen aus der Peiner Allgemeinen Zeitung (PAZ) Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe vom 07. November 2007.

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