Das Eilgut bestand aus Ziegen und Ferkeln

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte (24. 10.2007)

8. Teil: Die Peine-Ilseder Eisenbahn transportierte Personen und Güter wie Erz, Kohle und Koks/Ilseder Hütte war eines der größten privaten Verkehrsunternehmen

Von Thomas Kröger

Für 50 Pfennig kamen Reisende nach Peine, für 25 Pfennig nach Klein Ilsede, Kinder zahlten 15 und Soldaten 10 Pfennig. Das waren die Fahrpreise der Peine-Ilseder-Eisenbahn im Jahre 1938.

Ilsede: Der Startschuss für die Eisenbahn fiel 1864. König Georg V. von Hannover genehmigte in diesem Jahr den Bau „eines öffentlichen Verkehrsmittels“ zwischen Peine und der Ilseder Hütte. 
„Am 2. Mai 1865 wurde auf der 6,5 Kilometer langen Strecke der Betrieb aufgenommen, etwas später der öffentliche Güterverkehr“, sagt Karl-Heinz-Weimann, ehemaliger Verkehrs-Betriebsleiter auf dem Hüttengelände. 

Auf der Peine-Ilseder-Eisenbahn wurden alle Güter von und zur Ilseder Hütte befördert. Zuerst waren es nur offene Wagen mit zehn Tonnen Ladefähigkeit für Kohle und Koks, später gab es große Selbstentladewagen, die bis zu 100 Tonnen Erze fassen konnten. Die ausländischen Erze kamen von den Seehäfen Nordenham, Brake und Hamburg nach Ilsede. Dabei bestimmte die Produktion die Anzahl und den Zeitpunkt der Fahrten. Zur Hochzeit lag die Gleislänge der von der Ilseder Hütte betriebenen Eisenbahn bei 213 Kilometern, 1971 waren es aufgrund zahlreicher Strecken-Stilllegungen noch 145,2 Kilometer. Die Ilseder Hütte gehörte damals zu den größten privaten Verkehrsunternehmen in Deutschland. 

Der Groß Ilseder Bahnexperte erklärt die Unterschiede zwischen Fracht-, Eil- und Expressgut an folgenden Beispielen: „Frachtgut waren große Kisten mit Werkzeug, Eilgut waren Ziegen, Kaninchen und Ferkel und Expressgut beinhaltete Arznei- und Lebensmittel.“

Von 1865 bis zum 30. November 1969 wurden in Ilsede auch Personen befördert. „Den ersten Personenzug zog noch ein Pferd auf den Gleisen nach Peine. Dieser Zug fuhr ein Mal am Tag vom Hüttenplatz zum damaligen Peiner Bahnhof und zurück. Eine Fahrt dauerte eine Stunde“, sagt der 84-Jährige. 

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 8 Foto: © PAZ
PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 8 Foto: © PAZ

Ab 1872 fuhr eine Dampflok die Personenzüge, von 1901 bis 1957 gab es zwei- und vierachsige elektrische Speichertriebwagen. Weimann ergänzt: „Ab 1957 wurden fünf fabrikneue Dieseltriebwagen eingesetzt, die die Fahrgäste bis zur Einstellung des Personenverkehrs im Jahr 1969 fuhren.“ Zum Vergleich: Die Höchstgeschwindigkeit eines Dieseltriebwagens lag bei 60 und die eines elektrischen Triebwagens bei 30 Stundenkilometern. Während 334018 Fahrgäste 1910 die Bahn nutzten, waren es 437127 Personen im Jahr 1969. 

Diese Strecken gab es

Kleinbahn Groß Ilsede-Broistedt: 1884 wurde die 12,5 Kilometer lange Strecke eröffnet. Der Groß Ilseder erklärt: „Den Personenwagen hat man einfach an die mit Lengeder Erz beladenen Schmalspurzüge angehängt.“ Nach Aufnahme des Normalspurverkehrs 1918 fuhren zwei Züge mit je 900 Tonnen Erz. Der Personenverkehr wurde 1950 mangels Nachfrage eingestellt.

Der Erz-Zug von Lengede 1965 auf der Kleinbahn Groß Ilsede-Broistedt. Foto: © PAZ
Der Erz-Zug von Lengede 1965 auf der Kleinbahn Groß Ilsede-Broistedt. Foto: © PAZ
Die Ilseder Hütte feierte 1908 ihr 50-jähriges Bestehen. Die Ehrengäste reisten bis Groß Ilsede mit der Bahn an. Foto: © PAZ
Die Ilseder Hütte feierte 1908 ihr 50-jähriges Bestehen. Die Ehrengäste reisten bis Groß Ilsede mit der Bahn an. Foto: © PAZ
Der Personenverkehr der Peiner-Ilseder Eisenbahn lief schon ab 1866, zunächst mit Pferdeantrieb. Ab 1871 gab es Dampfloks. Hier der erste doppelstöckige Personenwagen aus dem Jahr 1876. Foto: © PAZ
Der Personenverkehr der Peiner-Ilseder Eisenbahn lief schon ab 1866, zunächst mit Pferdeantrieb. Ab 1871 gab es Dampfloks. Hier der erste doppelstöckige Personenwagen aus dem Jahr 1876. Foto: © PAZ

Hafenbahn: 1931 verband man das Hüttenwerk mit dem Hafen. Dort konnten daraufhin Kohle und Koks für das Hochofenwerk umgeschlagen werden. So hatte das Hüttenwerk Anschluss an das europäische Wassernetz. 

Roheisenbahn: Ab 1911 wurden täglich bis zu 20 Zugpaare mit Roheisenpfannen, gefüllt mit Flüssigeisen, vom Hochofen in das Peiner Stahlwerk transportiert. Die Fahrzeit für eine Strecke lag zwischen 12 und 17 Minuten. Die Pfannen wurden zuerst mit 30 und später mit 70 Tonnen Roheisen gefüllt.

Privatanschlussbahn Broistedt-Voßpaß: Im Bahnhof Calbecht bei Salzgitter war 1924 eine große Siebanlage für die Erze der Grube Dörnten gebaut worden. Die Erze wurden dort gesiebt, bevor sie wieder nach Ilsede ins Hochofenwerk kamen. 1940 wurde die Siebanlage geschlossen und nach Voßpaß verlegt, die Bahnstrecke verlängerte sich daher auf 21 Kilometer. Nach dem Zweiten Weltkrieg beförderte man die Erze der Grube Dörnten von Voßpaß nach Calbecht und übergab sie dort dem Erzbergbau Salzgitter zur Aufbereitung. Von dort wurden dann täglich Nasskonzentrat und Sinter nach Groß Ilsede gefahren. 

Privatanschlussbahn Hochofenwerk: 1918 errichtet, waren die Rangierarbeiten vor und unter den Hochöfen sehr schwierig. Weimann sagt: „Das war sehr unangenehm für die Arbeiter. Die Ladestellen für Roheisen und Schlacke unter den Hochöfen waren tunnelartig angelegt, und der Gasgeruch und die Hitze machten allen zu schaffen.“ Daneben gab es noch die Grubenanschlussbahnen Groß Ilsede-Klein Bülten-Groß Bülten-Adenstedt.

Insgesamt kamen auf der Peine-Ilseder-Eisenbahn laut dem Verkehrs-Betriebsleiter 800 werkseigene Güterwagen, 45 Dampflokomotiven und 21 Diesel-Lokomotiven ab dem Jahr 1970 im Einsatz.

Der erste Akku-Triebwagenzug. Der Triebwagen hatte eine 3. Wagenklasse, 13 gegenüberliegende Sitzplätze und 10 Stehplätze. Von 1901 bis 1909 wurde er im Regelverkehr eingesetzt, danach bis zur Verschrottung 1959 für Sonderfahrten genutzt. Foto: © PAZ
Der erste Akku-Triebwagenzug. Der Triebwagen hatte eine 3. Wagenklasse, 13 gegenüberliegende Sitzplätze und 10 Stehplätze. Von 1901 bis 1909 wurde er im Regelverkehr eingesetzt, danach bis zur Verschrottung 1959 für Sonderfahrten genutzt. Foto: © PAZ
Der Akku-Triebwagenzug im Bahnhof Groß Ilsede. Die vierachsigen elektrischen Speichertriebwagen wurden von 1909 bis 1921 angeschafft. Sie hatten eine 2. und eine 3. Wagenklasse und verfügten über 48 Sitz- und 32 Stehplätze. Foto: © PAZ
Der Akku-Triebwagenzug im Bahnhof Groß Ilsede. Die vierachsigen elektrischen Speichertriebwagen wurden von 1909 bis 1921 angeschafft. Sie hatten eine 2. und eine 3. Wagenklasse und verfügten über 48 Sitz- und 32 Stehplätze. Foto: © PAZ
Der Roheisenzug fährt im Jahr 1958 durch Klein Ilsede. Je Schicht mussten bis zu acht Roheisen Zugpaare gefahren werden. Foto: © PAZ
Der Roheisenzug fährt im Jahr 1958 durch Klein Ilsede. Je Schicht mussten bis zu acht Roheisen Zugpaare gefahren werden. Foto: © PAZ

Bezugsquelle: Text und Fotos stammen aus der Peiner Allgemeinen Zeitung (PAZ) Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe vom 24. Oktober 2007.

Beiträge zur Ilseder-Hütte auch auf: